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EX25 - Möglichkeiten und Grenzen der Selbsthilfe
Selbsthilfe ist nicht von gestern! – Diese Aussage, so mehrdeutig sie auch sein mag, kennzeichnet die Bedeutung des Selbsthilfewesens in unserer bürgerlichen Gesellschaft. Selbsthilfe existiert nicht erst seit den letzten Jahren – und auch wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit viele der nächsten Jahrzehnte noch überdauern.
Waren es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Frauen, deren Ehemänner in den Krieg ziehen mussten, die sich in privaten Häusern trafen, um sich gegenseitig Mut zuzusprechen, so waren es später die sozial Ausgegrenzten, die aufgrund Krankheit, Behinderung oder Sexualität zusammenfanden. Mit den Reformen und Revolutionen in den 1960er Jahren machten die emanzipatorischen Bewegungen auch vor diesen Gruppen von Personen keinen Halt: Langsam aber sicher traute man sich, auch öffentlich einzuladen, wenn man sich in übersichtlichen Kreisen zu Gesprächen und dem Austausch an Erlebtem zumeist in den Hinterzimmern von Gaststätten versammelte.
Mit dem ersten selbstbewussten Eintreten der „Anonymen Alkoholiker“, die in ihren von einem klaren Schema geprägten Treffen Halt fanden und den Willen nach Übernahme von Eigenverantwortung am persönlichen Problem zum Ausdruck brachten, war Selbsthilfe ein Kennzeichen von Fürsorge für sich selbst und andere geworden.
Bis heute hat sich die Selbsthilfebewegung gewandelt. Sie hat ihre Facetten ausgebaut, sich mehr und mehr zu einem Zweig des Engagements innerhalb des Gesundheits- und Sozialwesens entwickelt. Selbsthilfe lässt sich nur noch schwerlich klar definieren und umschreiben. Mit der Vielschichtigkeit und dem unterschiedlichen Verständnis haben sich allerdings auch die Möglichkeiten und Grenzen der Selbsthilfe verändert.
Will man die verschiedenen Zweige der Selbsthilfe auf einen Nenner bringen, so findet man die größte Übereinstimmung sicher im Anliegen, wonach der Erfahrungsaustausch, das Miteinander und das Gefühl der Zusammengehörigkeit im Mittelpunkt steht. Auf Menschen zu treffen, die die „gleiche Sprache“ sprechen, die Gedanken, Verhalten und Reagieren des Anderen verstehen und Verständnis aufbringen, die ohne Vorurteile, sondern mit dem Wissen um das, was in besonderen Lebenssituationen wirklich herausfordert, aufeinander zugehen – dieses eindeutige Merkmal der Selbsthilfe gilt grenzüberschreitend.
Ob nach einem festgelegten Ablauf, ob in einer offenen Gesprächsrunde, einem freizeitmäßigen Miteinander oder im informativ-aufklärenden Charakter – Selbsthilfe bietet Struktur und Gewissheit, nicht alleine mit seinen Schwierigkeiten zurechtkommen zu müssen. Sie ergänzt dort, wo Therapie oder Medizin an das Ende ihrer Kapazitäten stoßen – und informiert, wo Menschen sich zunächst mit ihrer neuen Diagnose, ihrer veränderten Situation zurechtfinden und theoretische Grundlage über ihr Krankheitsbild lernen müssen. Und sie betreut und begleitet dann, wenn es notwendig wird, bürokratische oder organisatorische Hürden zu meistern, oder mit veränderten sozialen Gegebenheiten wie Ausgrenzung, Vereinsamung oder existenzieller Neuorientierung als Folge der eingetretenen Erkrankung umzugehen. Ging man lange Zeit davon aus, dass Selbsthilfegruppen vorwiegend bei psychischen und Lebensproblemen seelischer Natur unterstützend wirken können, weiß man heute: Der Effekt, unter „Gleichgesinnten“ mit Vertrauen und Sorglosigkeit das aussprechen zu können, was in ärztlicher Behandlung, gegenüber Therapeuten oder Angehörigen weniger zur Sprache kommt – und das entsprechende Gefühl der Annahme vermittelt zu bekommen, hilft allen, die mit außergewöhnlichen Belastungen im Alltag konfrontiert sind. Körperliche Erkrankungen, psychische Gebrechen, Herausforderungen aus speziellen Lebenslagen, aber auch in sozialen Schief- und Notlagen – Selbsthilfe greift heute bei A wie Asthma, über O Obdachlosigkeit bis Z wie Zwangsstörungen.
Und dabei dient sie nicht nur dem Betroffenen oder den Angehörigen, die ihre Sichtweise in die Gruppe einbringen. Selbsthilfe versteht sich nicht alleinig als Eigenverantwortlichkeit im Sinne „Hilf dir selbst…“. Ziel und Zweck ist es, aus den Schätzen der Erfahrungen Anderer für die eigene Herausforderung das zu filtern, was mir selbst in meiner Situation helfen kann.
Dabei entstehen jedoch natürliche und notwendige Grenzen. Selbsthilfe kann kein Allheilmittel sein. Als Ergänzung zur bestehenden sozialen und medizinischen Versorgung schließt sie Lücken dort, wo die Bereitschaft vorhanden ist, an sich selbst arbeiten zu wollen – und wo es hilfreich sein kann, mit Gleichbetroffenen in Kontakt zu treten. Doch kann Selbsthilfe weder medizinischen Behandlungen vorgreifen, noch sie ersetzen. Sie ist nicht in der Lage, an Stelle von Psychotherapien zu treten oder mit sozialen Beratungen im Wettbewerb zu stehen. Selbsthilfe nutzt laut Studienergebnissen am meisten, wenn sie in das Geflecht aus möglichst vielen bestehenden Angeboten eingebunden wird.
Selbsthilfegruppen, denen oftmals Leiter vorstehen, sind Teil der Ehrenamtlichkeit. Selbsthilfe ist damit abhängig von der Hingabe Einzelner, die sich engagieren wollen und ihre Erfahrungen mit anderen teilen möchten. Sie ist finanziell gebunden an Zuschüsse und Förderungen, die Mittel sind begrenzt. Und so sind Entwicklungen bedenklich und grenzwertig, bei denen Ärzte und Therapeuten darauf vertrauen, dass Selbsthilfe das übernimmt, was den Fachpersonen selbst wenig Gewinn einbringt oder an Wochenenden und nach Feierabend zusätzlichen Aufwand bedeuten würde. Und doch wird ein aufgeklärter und informierter Patient heute vielerorts dankbar angesehen – Selbsthilfe tritt damit unterstützend in eine Tendenz ein, in welcher man sich durch Internet und Wissenswertes auf allen Kanälen über jede Krankheit auf dem Laufenden halten kann. Und doch ist sie selbst von der Modernisierung betroffen. Ob Chat oder Blog, Selbsthilfe in der virtuellen Welt gehört besonders unter Jugendlichen schon heute zur Zukunft.
Schlussendlich braucht es für gelingende Selbsthilfe aber doch die persönliche Mitmenschlichkeit. Sie erfordert die Offenheit aller Beteiligten, sich miteinander vernetzen zu wollen und von den gegenseitigen Möglichkeiten zu profitieren. Voneinander zu gewinnen, statt sich als Konkurrenz anzusehen – Selbsthilfe lebt von der Perspektive, Menschen zu unterstützen und selbst durch Akzeptanz und Würdigung unterstützt zu werden.
Autor: Dennis Riehle, Selbsthilfegruppenleiter Sprecherrat im Selbsthilfenetzwerk „kommit“ Büro für Bürgerschaftliches Engagement am Landratsamt Konstanz Benediktinerplatz 1 78467 Konstanz
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