„Wenn das Blut in Wallung kommt, so ist die Vernunft nicht mehr Meister der Sinnlichkeit; verschiedene Arten von Temperamentsfehlern werden dann offenbar!“
Adolf Freiherr von Knigge
Psychogener Bluthochdruck – aus dem Lot durch Stress und Ärger
Frau Maier, 37 Jahre alt, Sekretärin, verheiratet, ein Kind, leidet seit zwei Jahren unter einem schwankenden Blutdruck. Am höchsten ist er während der Arbeitszeit, am niedrigsten bzw. normal im Urlaub. Mehrere kardiologische Untersuchungen bei verschiedenen Fachärzten ergeben keinen Hinweis auf eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Die Symptomatik setzte zeitlich mit der Übernahme des Betriebs durch den Junior-Chef ein, der sie zweimal sexuell belästigt hat. Sie fühlt sich ihrem Chef ohnmächtig ausgeliefert, weil eine Kündigung mangels anderer Arbeitsplätze in der Gegend das existenzielle Aus bedeuten würde. Aus Angst arbeitet sie mehr Stunden, als sie bezahlt bekommt, und ärgert sich dann oft darüber, dass ihr Chef dies für selbstverständlich erachtet. Dazu kommen familiäre Streitigkeiten: Ihr Mann versteht ihre Situation überhaupt nicht, wird allmählich zum Alkoholiker und bedrängt sie in diesem Zustand sexuell. Sie fühlt sich auch ihm gegenüber hilflos ausgeliefert, da eine Scheidung zumindest gegenwärtig nicht in Frage kommt. Frau Maier hat nie gelernt, dem Chef oder ihrem Mann ihren Ärger mitzuteilen oder mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Innerlich voller Wut, wirkt sie äußerlich anderen Menschen gegenüber immer freundlich und unauffällig. Sie schluckt alles hinunter, während ihr Blutdruck in die Höhe schnellt. Als ihr Hausarzt, der über ihre Situation informiert ist, ein Blutdruckmedikament verschreiben will, möchte sie vorerst einmal mit einer Psychotherapie versuchen, ihren labilen Blutdruck in den Griff zu bekommen.
„Auf 180 sein“: Blutdruck und Psyche
Das Herz pumpt das Blut zur Versorgung des Körpers mit Sauerstoff und Nährstoffen in das Gefäßsystem, in dem je nach Energiebedarf unterschiedliche Druckhöhen bestehen. Unter Blutdruck versteht man den vom Herzmuskel erzeugten Druck, unter dem die Blutmasse des ganzen Körpers durch die Arterien (vom Herzen wegführende Gefäße) getrieben wird. Der Blutdruck ist abhängig von der Pumpleistung (Schlagkraft) des Herzens und dem Widerstand des arteriellen Gefäßsystems. Der Blutdruck steigt durch die erhöhte Herztätigkeit und die Verengung der arteriellen Blutgefäße der Haut.
Der höhere (systolische) Wert bezeichnet den Blutdruck bei der Kontraktion des Herzens, wenn das Herz mit maximaler Leistung das Blut auswirft. Der niedrigere (diastolische) Wert beschreibt die Restspannung im Gefäßsystem bei der Erschlaffung (Ruhephase) des Herzmuskels und stellt ein Maß für die Elastizität des arteriellen Gefäßsystems dar. Ein zu hoher diastolischer Blutdruck (über 95 mm Hg) weist auf eine Verengung der Gefäße durch Verkalkung oder durch chronische psychische Anspannung hin. Der Blutdruck ist keine konstante Größe, sondern schwankt in Abhängigkeit von der Tageszeit (am niedrigsten in der Nacht), der Jahreszeit, der Aktivität, emotionalen Faktoren und zahlreichen anderen Bedingungen.
Der Blutdruck wird in Millimeter Quecksilbersäule (mm Hg) gemessen. Er gilt als optimal („normoton“) um 120/80 mm Hg und wurde früher als „noch“ normal angesehen bei 130-139/85-89 mm Hg. Eine Hypertonie (Bluthochdruck) besteht bei Werten über 160/95 mm Hg, mehrfach gemessen am Oberarm nach fünf Minuten Sitzen über einen Zeitraum von drei Monaten, eine Hypotonie (niedriger Blutdruck) bei Werten unter 100/70-65 mm Hg. Als Grenzwerthypertonie galt bisher ein Blutdruck von 140-160/90-95 mm Hg. Aufgrund neuester Erkenntnisse wurde von der amerikanischen Gesundheitsbehörde ein Blutdruck von 120/80 als normal und wünschenswert erklärt, während systolische Werte von 121-140 bereits zu einer Gefäßwandschädigung führen können und daher als „Vor-Bluthochdruck-Phase“ bezeichnet werden.
Die emotionale Komponente des Blutdrucks kommt in einigen Redewendungen gut zum Ausdruck: Man ist auf 180. Das Blut gerät in Wallung oder es kocht in den Adern. Jemand behält nur schwer ruhig Blut und es schwellen ihm die Adern an. Da hilft nur: ruhig Blut bewahren!
Die psychische Befindlichkeit beeinflusst die Höhe des Blutdrucks direkt und stark: bei Wut, Ärger, Angst, Aufregung und Stress steigt er im Extremfall bis zu 240/130 mm Hg an. Wenn er stressbedingt dauerhaft erhöht ist, kann eine funktionelle Störung in eine organische übergehen. Der Körper lernt dies als Normalzustand zu verstehen und verlernt die Maßnahmen zur Senkung des Blutdrucks. Bei Ruhe und Entspannung sinkt der Blutdruck infolge der reduzierten Herztätigkeit und der Erweiterung der kleinen arteriellen Blutgefäße der Haut. Schock- und Schreckreaktionen sowie überfordernder Stress führen zu einer parasympathischen Überaktivität mit starkem Blutdruckabfall bis hin zum Kreislaufzusammenbruch. Subjektiv macht sich dies bemerkbar in Schwindelgefühlen, eventuell sogar in kurzer Ohnmacht.
Die Aktivität des sympathischen Nervensystems führt zur Umverteilung des Blutes im Körper: Dies bewirkt eine Erhöhung des arteriellen Blutdrucks, eine Beschleunigung der Herzfrequenz und eine stärkere Durchblutung der Muskeln, während die Durchblutung des Magen-Darm-Bereichs, der Nieren und der Haut abnimmt.
Die körperlichen Veränderungen bei einer Stressreaktion erfolgen über die so genannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse. Ziel des Dauerstresshormons Kortisol ist vor allem die Blutdrucksteigerung, um dem Körper mehr Energie zur Verfügung zu stellen; diese wird bei emotionalem Stress mangels Bewegung jedoch nicht abgerufen. Bluthochdruck-Patienten weisen eine erhöhte Ausscheidung des Blutdruck steigernden Dauerstresshormons Kortisol auf. Hypertoniker neigen bereits zur Blutdruckerhöhung in Situationen, die bei Menschen mit normalem Blutdruck zu keinen Veränderungen führen.
Blutdruckschwankungen und Kreislaufstörungen kommen auch bei verschiedenen psychischen Störungen vor. Bei Panikattacken oder Alkoholentzug steigt der Blutdruck, bei Depressionen kann der Blutdruck fallen. Angst- und Panik-Patienten haben oft große Angst vor Herzrasen, weil sie dies aufgrund medizinischen Unwissens mit der drohenden Gefahr eines Herzinfarkts verbinden, tatsächlich jedoch weisen sie bei Panikattacken oft nur einen geringfügig erhöhten Puls auf, den sie aufgrund ihrer gesteigerten Herzschlagwahrnehmung überbewerten.
Tabelle 4: Psychosomatisch relevante Blutdruckstörungen
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